Band 6: Die unheimlichen Verfolger

 

 

 100 Seiten

 

15.846 Worte

 

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Beschreibung

Die Texaskids Julia, Daniel und Samuel dürfen ihre Ferien auf der Ranch von Daniels Onkel in Lamesa verbringen. Sie machen einen Ausflug und zelten einige Tage in der Prärie vor der Goldsteinhöhle, um diese ausgiebig zu erkunden. Doch plötzlich erscheint ein Auto mit abgedunkelten Scheiben. Die Kinder nähern sich dem Wagen, der daraufhin davonrast. Sie kennen dieses Auto, das ihnen an einer Raststätte bei der Anreise zur Ranch unangenehm aufgefallen war. Sollte es ihnen etwa den ganzen Weg gefolgt sein?


Noch ahnen die Texaskids nicht, wer in diesem Auto sitzt und was er vorhat. Das sollte sich aber bald ändern, denn die Kinder forschen nach und geraten wieder einmal in ein gefährliches und aufregendes Abenteuer.

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Einladung nach Lamesa

Im amerikanischen Bundesstaat Texas nahe des Ortes Bastrop erstreckte sich eine weite Ebene mit nichts als hellem Sand, soweit das Auge blicken konnte. Nur am Horizont eines nahe gelegenen Hügels prangte ein Hain aus mannshohen Kakteen. Die glutheiße Sonne entlockte dem Sand ein goldenes Schimmern und brachte die Luft über dem Boden zum Flimmern. Es wehte nicht ein Lüftchen durch die Prärie und es herrschte eine Totenstille. Nicht einmal Vögel, Kojoten, Luchse oder Pumas wagten sich bei dieser Hitze aus ihren Verstecken.

»Yippie«, zerriss eine Kinderstimme die Stille.

Gleich darauf stürmte ein Mädchen mit langen schwarzen Haaren und einem kirschroten Cowboyhut aus dem Kakteenwald heraus. Sie schien vor irgendetwas auf der Flucht zu sein und rannte so schnell davon, dass der Boden unter ihren Stiefeln staubte.

Zwei Jungs, einer mit einem blauen Cowboyhut und einer mit einem grünen Cowboyhut folgten ihr und schwangen dabei Lassos, die sie nach der Flüchtenden warfen. Als beide Schlingen über sie flogen, blieb sie stehen und schüttelte sich heftig. Die Seilschlingen glitten an ihr hinab bis zu ihren Stiefeln.

»Das war wohl nichts, Jungs«, lachte das Mädchen und rannte weiter.


 

Doch nach wenigen Schritten schnürten sich die Seilschlingen um ihre Stiefel. Wild purzelte sie durch den Sand, eine Staubwolke wirbelte empor. Sie drehte sich einige Male um die eigene Achse und ihr Hut wurde im hohen Bogen weggeschleudert, bevor sie regungslos liegen blieb.

»Das tut mir echt leid, Julia. Das wollte ich nicht«, entschuldigte sich der braunhaarige Junge mit dem grünen Hut. »Wärst du einfach stehen geblieben, nachdem wir dich eingefangen hatten, wäre das nicht passiert. Ich sagte gleich, es ist keine gute Idee, das Lassowerfen an uns zu üben. Wir hätten besser Kakteen eingefangen.«

»Es muss dir nicht leidtun, Dan«, prustete Julia. Sie stand auf, setzte ihren Hut auf und klopfte sich den Staub aus der Kleidung. »An Kakteen Lasso werfen zu üben, ist langweilig, weil sie sich nicht bewegen.«

»Ist dir was passiert?«, sorgte sich der blonde Junge mit dem blauen Hut.

Julia hob die Augenbrauen und schaute kritisch drein. »Mach dich nicht lächerlich, Sam. Ich bin schon viel schlimmer gestützt und konnte darüber lachen. Bin ich vielleicht aus Papier?«

»Das nicht, aber dein Sturz hat ganz schön gefährlich ausgesehen«, meinte Daniel. »Hast du dich wirklich nicht verletzt?«


 

»Habe ich nicht. Könnt ihr euch nicht einfach freuen, mich eingefangen zu haben, anstatt euch unnötig um mich zu sorgen?«, klang Julia vorwurfsvoll und doch ein wenig gekränkt.

»Jawohl«, triumphierte Samuel, klopfte sich und seinem Freund Daniel auf die Schulter. »Wir haben Julia eingefangen. Sie hatte nicht die geringste Chance, uns zu entkommen. Sie ist gerannt so schnell wie der Blitz, aber wir waren schneller.«

»Nun übertreibt mal nicht und bleibt gefälligst realistisch. Wäre es heute nicht so heiß, wäre ich besser in Form gewesen und ihr hättet nicht den Hauch eine Chance gehabt«, stellte das Mädchen klar. »Außerdem hatte ich euch zwei auch problemlos mit dem Lasso einfangen können. Jetzt herrscht also Gleichstand.«

»Mag sein. Aber heute hattest du wirklich keine Chance, uns zu entkommen«, kostete Daniel den Sieg aus.

Das hörte Julia gar nicht gerne. Schließlich war sie genauso hart wie die Jungs und stand ihnen in nichts nach. Schmollend stapfte sie voraus in Richtung des Ortes Bastrop, dessen Häuser man in der Ferne sah. Daniel und Samuel folgten ihr auf Abstand, um ihr die Zeit zu geben, sich wieder zu beruhigen.

»Hey«, rief Daniel. »Meine Mama hat eine Blaubeertorte gebacken. Was haltet ihr davon, noch mit zu mir zu kommen? Ihr seid herzlich zum Tee eingeladen.«

Julia blieb mit skeptischer Miene stehen und schob ihren Cowboyhut aus der Stirn. »Blaubeertorte? Willst du uns auch nicht veräppeln? Das sagst du jetzt doch nicht nur so, um mich gnädig zu stimmen, oder?«

Daniels Blick wurde ernst. »Traust du mir das wirklich zu? Mit Essen scherze ich nie!«

»Super! Ich bin dabei«, freute sich Samuel. »Was soll ich um diese Zeit schon zu Hause? Schließlich sind Sommerferien und wir sollten die Tage lange auskosten. Außerdem liebe ich Blaubeertorte.«


 

»Ich bin auch dabei«, schloss sich Julia an, wobei ein Lächeln ihre Mundwinkel umspielte. »Gegen eine schöne kühle Blaubeertorte habe ich bei der Hitze nichts einzuwenden.«

So gingen die drei Freunde und Schulkameraden zu Daniel nach Hause, wo Daniels Mutter sie freundlich empfing. Die schwarzhaarige Frau begrüßte die Kinder und bereitete ihnen einen Tee zu, während sie am Küchentisch saßen und gierig auf die Torte warteten.

 Frau Donovan servierte die Torte und den Tee und setzte sich zu den Kindern an den Tisch. »Als ich heute Morgen bei der Arbeit im Büro war, hat mich Onkel Luke in der Autoschlosserei angerufen.«

Daniel schluckte, wobei ihm fast die Torte im Halse stecken blieb. »Onkel Luke? Warum? Es ist doch hoffentlich nichts passiert?«

Die Mutter schüttelte den Kopf. »Nein, zum Glück nicht. Ich war auch erst etwas verwirrt darüber, dass er mich in der Arbeit anruft. Doch Onkel Luke und Tante Patricia meinten, ihr könntet die Ferien bei ihnen verbringen, falls ihr noch nichts anderes geplant habt. Was meint ihr dazu?«

»Einfach so? Das ist aber nett von Onkel Luke und Tante Patricia. Brauchen sie Hilfe auf ihrer Ranch?«, vergewisserte sich Daniel.

»Nein«, antwortete die Mutter. »Sie möchten nur etwas Gesellschaft haben und euch einen Gefallen erweisen. Außerdem meinte Onkel Luke, sein Bruder John und ich, wir könnten ein wenig Zeit für uns gebrauchen, um …«

Daniels grüne Augen weiteten sich. »Dad und du? Ihr wollt mich los werden?«


 

»Rede doch keinen Unsinn, Junge«, sagte die Mutter streng. »Ich weiß doch, wie ihr den ganzen Tag durch das Haus stürmt, sobald es euch langweilig wird. Das halte ich nicht die ganzen Sommerferien lang aus. Marc und Elisabeth sind auch dieser Meinung und stimmten zu, dass Sam mitkommen darf.«

Samuel stutzte. »Marc und Elisabeth? Sie haben bereits mit meinen Eltern gesprochen?«

Julia kicherte schadenfroh. »Ja, sie haben über dich geredet, Sam. Und gewiss nichts Gutes.«

»Auch Jack und Jasmin Jakobson sind mit uns einer Meinung«, fügte Mistress Donovan hinzu.

Julia erblasste und Samuel kicherte. »Auch mit deinen Eltern hat Mistress Donovan über dich geredet. Bestimmt auch nichts Gutes.«

Mistress Donovan lachte. »Spaß beiseite, Kinder. Jedenfalls sind wir und eure Eltern einverstanden. Ihr drei dürft die Sommerferien bei Onkel Luke in Lamesa verbringen, falls ihr das überhaupt möchtet.«

Erst jetzt dämmerte den Kindern die Bedeutung der Worte von Mistress Donovan. »Yippie«, schallte es durchs Haus, dass man es bis zum Ende der Straße hätte hören können.

»Wir verbringen unsere Ferien auf einer Ranch«, tobte Samuel.

Julia tanzte in der Küche herum und umarmte Daniels Mutter herzlich. »Danke, Mistress Donovan. Ich freue mich riesig.«

»Müssen wir mit dem Bus fahren oder wird Dad uns hinfahren?«, fragte Daniel.


 

»Dad wird euch fahren. Macht euch bereit und packt schon mal alles zusammen. Morgen früh werdet ihr losfahren«, antwortete die Mutter.

»Du musst uns so viel erzählen, Dan«, verlangte Julia. »Wie weit ist es bis Lamesa und was gibt es auf der Ranch so alles zu sehen und zu erforschen?«

»Tut mir leid, Freunde«, entschuldigte sich Daniel. »Als wir das letzte Mal bei Onkel Luke und Tante Patricia waren, war ich vielleicht gerade erst sechs Jahre alt. Ich kann mich an fast nichts mehr erinnern.«

»Du warst fünf Jahre jung«, erinnerte sich die Mutter. »Ihr werdet bis Lamesa fünf Stunden mit dem Auto unterwegs sein. Es ist ein kleiner Ort mit etwa 10 Tausend Einwohnern inmitten der Prärie. Onkel Lukes Ranch liegt etwas außerhalb und dort leben Kühe, Rinder und Hühner. Den Viehbestand hatten sie vorletztes Jahr verdoppelt. Deshalb dürft ihr ihnen nicht böse sein, falls sie wenig Zeit für euch haben werden.«

»Das macht gar nichts«, meinte Samuel. »Wir sind groß genug, um uns selbst zu beschäftigen. Das geht schon in Ordnung.«

»Ach ja, Sam?«, lachte Julia. »Sieh mal in den Spiegel, wie groß du bist. Du siehst nämlich gerade wie ein Kleinkind aus.«

Damit hatte sie recht. Samuel war um den Mund herum mit lilafarbener Sahne von der Blaubeertorte verschmiert. Julia, Daniel und Mistress Donovan lachten, als Samuel laut schmatzend seine Zunge um die Lippen kreisen ließ, um sich zu säubern.

Schließlich gingen Samuel und Julia nach Hause und packten ihre Sachen für die Ferien zusammen. Am Abend brachten sie diese zu Daniel und stellten sie in der Garage bereit, damit sie Mister Donovan nach der Arbeit gleich in sein Auto laden könne.

Daniel stellte seine Sachen dazu und wunderte sich, als er das Gepäck seiner Freunde begutachtete. »Ihr habt eure Zelte dabei? Warum?«

Samuel grinste breit und zuckte mit den Schultern. »Ich weiß ja nicht, wie die Unterbringung bei deinem Onkel ist?! Vielleicht hat er kein Zimmer für uns?!«


 

»Und ich dachte mir, wir könnten draußen schlafen, falls das Wetter gut ist«, fügte Julia hinzu. »Es gibt doch nichts Schöneres, als in freier Natur zu schlafen.«

»In diesem Fall werde ich auch mein Zelt mitnehmen«, schloss sich Daniel an. »Soviel ich weiß, gibt es auf der Ranch zwar ein Gästezimmer für uns, aber sicher ist sicher. Außerdem würde ich es auch bevorzugen, draußen zu schlafen.«

Die Abendstunden verbrachten die Kinder in Daniels Zimmer mit Ringwerfen. Überraschenderweise kam Mistress Donovan ins Zimmer und stellte ein Tablett auf den Tisch. Darauf befanden sich drei Donuts und drei Tassen dampfend heiße Schokolade mit Marshmallows. »Es ist heute Abend recht kühl geworden und ich dachte mir, die Schokolade wird euch aufwärmen.«

»Danke, Mistress Donovan«, bedankten sich Samuel und Julia.

»Danke, Mom. Du bist die Beste«, bedankte sich auch Daniel.

Sie freuten sich riesig, tranken ihren Kakao und aßen dazu die Donuts. Danach warfen sie weiter Ringe und gewannen abwechselnd. Bald war die Sonne gänzlich hinter dem Horizont verschwunden. Der Mond stieg empor und kündete die Schlafenszeit an.

»Bis morgen früh, Dan«, verabschiedeten sich Julia und Samuel von Daniel, der sie an die Haustür begleitete.

»Kommt ja pünktlich«, sagte Daniel, der es wie seine Freunde auch schon nicht mehr erwarten konnte, endlich die Reise in die Ferien anzutreten.

»Und ob wir pünktlich sind«, versicherte Julia, bevor sie mit Samuel in der dunklen Seitenstraße verschwand.